Das Bikram-Yoga von Bikram Choudhury

Das Bikram-Yoga von Bikram Choudhury
Das Bikram-Yoga von Bikram Choudhury

Bikram Choudhury gehört zu den erfolgreichsten, aber zugleich umstrittensten Yogameistern der Neuzeit. Der geschäftstüchtige amerikanische Yogalehrer mit indischen Wurzeln entwickelte ein eigenes Konzept, das er patentieren ließ und als Bikram-Yoga oder Hot-Yoga vermarktet. Stars wie Julia Roberts lieben seinen Yogastil, viele traditionell denkende Yogis können sich mit seinem Ansatz hingegen nicht anfreunden. Yoga als persönliches geistiges Eigentum, Asana-Championships oder gar Yoga als olympische Disziplin? Das widerspricht in ihren Augen der wahren Yogaphilosophie. Wer ist dieser Yogameister, über dessen Person, Charakter und Methodik so kontrovers diskutiert wird?

Kindheit und Jugend in Kalkutta

1946 in Kalkutta, einer der größten Städte und Ballungszentren Indiens geboren, begann Bikram Choudhury mit vier Jahren, Hatha Yoga zu praktizieren. Sein Guru war Bishnu Charan Gosh, ein Bruder des legendären Paramahansa Yogananda. Dieser hat mit seinem Buch „Autobiografie eines Yogi“ vielen Menschen im Westen Einblicke in die Yogaphilosphie ermöglicht und so Yogalehre und -praxis dort den Boden bereitet. Als 12-Jähriger war Bikram Indiens jüngster Yoga-Champion und wurde mit 14 Jahren zum Yogiraj ernannt. Die fast unglaubliche Heilkraft von Yoga erkannte er aber erst mit 18 nach einem Trainingsunfall beim Gewichtheben. Eine schwere Hantel hatte sein Knie zertrümmert. Er fühlte sich als Krüppel, sein Yogalehrer ermutigte ihn dennoch zu Asanas wie dem Lotussitz – in seinem Zustand eigentlich unvorstellbar. Doch das Wunder geschah: Ein halbes Jahr später war Bikram fit und überzeugt davon, in Yoga eine wirksame Therapie gegen verschiedenste Krankheiten gefunden zu haben.

Die Entstehung des Hot-Yoga in Japan und der Beginn der Bikram-Erfolgsstory

In Mumbai entwickelte Bikram nach seiner Genesung die feste Übungsabfolge, für die Bikram-Yoga heute weltweit bekannt ist. 1970 reiste er nach Japan, um dort in Tokio eine Yogaschule zu eröffnen. Dort drehte er erstmals die Heizung während der Übungsstunden auf. Zu den Schülern gehörte auch der spätere Premier Kakuei Tanaka. Danach unterrichtete Bikram, der bereits eine gewisse Berühmtheit als „Wunderheiler“ erlangt hatte, auch auf Hawaii. Präsident Nixon gehörte dort zu seinen „Patienten“ und bedankte sich für die erfolgreiche Anwendung von Bittersalz im Badewasser mit einer Greencard. Mittlerweile ist Bikram Choudhury amerikanischer Staatsbürger. Nachdem er 1973 in Kalifornien „Bikram Yoga College of India“ gegründet hatte, wurde er für die Bikram-Yoga-Patentanmeldung, seinen luxuriösen Lebensstil sowie seinen Hang zur Kommerzialisierung des Yoga zunehmend kritisiert, bis es 2004 zu einem Rechtsstreit um den Markeneintrag kam. Offen ist der Ausgang weiterer Gerichtsverfahren, in denen ihm sexuelle Übergriffe zur Last gelegt werden.

Das Bikram-Yoga-Konzept: Yoga-Training bis zur Erschöpfung

Bei einer Raumtemperatur von bis zu 40 Grad Celsius bedeutet eine Bikram-Yogastunde hartes, schweißtreibendes Training mit rund 2 Liter Wasserverlust. Trinken während des Unterrichts ist deshalb Pflicht. Die Reihenfolge der Übungen (26 Asanas, 2 Atemübungen) ist festgelegt und wird zweimal wiederholt. Die Hitze soll den Kreislauf anregen, Muskeln und Sehnen lockern und die Beweglichkeit des Körpers erhöhen. Bei Kreislaufproblemen und Vorerkrankungen sollte belastendes Bikram-Yoga nicht ohne ärztliches Einverständnis praktiziert werden. In seiner Yogaschule in Los Angeles führt Bikram Yogawettbewerbe durch, bei denen neben Ausführung und Stil der Asanas auch Körperbau und Kleidung bewertet werden. Erklärtes Ziel ist es, Bikram Yoga als olympische Disziplin zu etablieren, um mehr Menschen für Yoga zu begeistern. Die weltweite Zahl der lizenzierten Bikram-Schulen übersteigt inzwischen die 1000er-Marke. Bikram-Lehrer dürfen sich nur die derzeit rund 7000 Yogalehrer nennen, die eine persönliche Ausbildung beim Meister selbst erfahren haben. Für Bikram Choudhury sind dies Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Gemeinsam mit seiner Frau Rajashree Choudhury leitet er die sogenannten Teacher Trainings.

Wie auch immer man persönlich zu Bikram-Yoga und zu seinem „Erfinder“ stehen mag: Am Erfolg gemessen ist Bikram Choudhury ein maßgeblicher Teil der Yogaszene.

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Das Jivamukti Yoga von Sharon Gannon & David Life

Das Jivamukti Yoga von Sharon Gannon & David Life
Das Jivamukti Yoga von Sharon Gannon & David Life

Sharon Gannon und David Life prägten in den 1980er-Jahren in New York einen neuartigen Yogastil: Jivamukti Yoga – eine spannende Verbindung von westlichen und östlichen Elementen, die den Nerv der Zeit auf den Punkt traf. Promis wie Madonna und Sting oder Supermodels wie Christy Turlington und Heidi Klum suchten das hippe Jivamukti-Studio in Manhattan auf, viele Fans folgten ihrem Beispiel. Jivamukti wirkte wie ein Magnet, Sharon und David avancierten zu absoluten Stars der Yogazene. Wer sind diese beiden Yogis und was ist so anders, so besonders an Jivamukti Yoga?

Die Begegnung von Sharon und David in New York

David Life (Kilkpatrick) stammt aus einer Kleinstadt in Michigan, wo er viele Jahre als Künstler wirkte. 1980 zog er nach New York, wurde Teil der blühenden East-Village-Kunstszene und eröffnete ein Café. 1983 traf er Sharon Gannon, eine Musikerin und Tänzerin, die sich für Tierrechte engagierte. Bereits als Dreijährige hatte Gannon, die in Florida aufwuchs, eine tiefe Liebe zu allem Lebendigen entwickelt. Den Einsatz für Würde und Rechte von Tieren bezeichnet sie heute als ihre entscheidende Motivation, sich zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen. Gemeinsam reiste das Paar mehrere Male nach Indien, wo sie unter anderem bei Swami Nirmalananda Inspiration und Kraft fanden für ihren weiteren Lebensweg und ihr Lebenswerk. Basierend auf dem Bekenntnis des „Nicht-Verletzens“ (Ahimsa) der Lebewesen dieses Planeten bedeutet Jivamukti Yoga für die beiden sowohl den Weg zur als auch den Ausdruck von körperlicher und seelischer Gewaltfreiheit. Auch nach der Gründung der Jivamukti Yoga Society verbrachte das Paar, das nicht als Liebespaar im körperlichen Sinne zusammenlebt, viele Jahre in Indien bei Lehrern wie Pattabhi Jois, dem Begründer des Ashtanga-Yoga.

Jivamukti als körperbetontes Hatha Yoga – für ein befreites Leben

Um die Frage zu beantworten, was den Jivamukti –Stil so außergewöhnlich macht, reicht eine Betrachtung der Yogalemente allein nicht aus. Nur zusammen mit den zentralen fünf Wesensmerkmalen gelingt es, auf eine sehr kraftvolle Weise die Verbindung von Körperlichkeit, Ethik und Spiritualität zu schaffen. Hierzu gehören das Lesen der Schriften (Shastra) und völlige Hingabe (Bhakti) ebenso wie das Verinnerlichen von Gewaltlosigkeit (Ahimsa), das Einbinden von Musik (Nada) und die Meditation (Dhyana). Typisch für Jivamukti Yoga ist der Einfluss auf Lebensweise und Ernährung. Überdies sind die fließend ausgeführten Asanas körperlich und mental sehr anspruchsvoll. Sie bauen auf den Asanas des Asthanga (Vinyasa Flow) auf. Der entscheidende Unterschied zu üblichen Yogakursen ist, dass Sharon Gannon und David Life in ihrer Schule neben östlichen Tönen und Klängen ganz bewusst moderne westliche Musik einsetzen. Als 2003 Patrick Broome ein autorisiertes Center in München eröffnete, begeisterten sich auch in Deutschland viele Menschen für Jivamukti. Broome, ein langjähriger Jivamukti-Schüler und promovierter Psychologe, ist inzwischen selbst ein Star der Yogaszene und auch als Buchautor populär. Acht Jahre lang brachte er der deutschen Fußballnationalmannschaft Sequenzen aus dem Jivamukti bei. Die Partnerschaft mit Gannon und Life und somit auch mit dem Münchner Jivamukti Center endete einvernehmlich, heute stehen die drei Münchner Jivamukti-Yogalofts unter anderer Leitung.

Leben und Wirken im Einklang mit der Natur

Nach wie vor geben Sharon Gannon und David Live Workshops und halten als spirituelle Lehrer Satsangs mit ihren Schülern ab. Ihr Lebensmittelpunkt ist New York, und auch ihr selbst erschaffener Zufluchtsort befindet sich ganz in der Nähe, in den Bergen bei Woodstock. In den Naturpark „Wild Woodstock Forest Ashram and Sanctuary“ ziehen sie sich gerne für längere Zeit zum Beten, Fasten und zum Üben ihrer Sadhana zurück.

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Der Erfinder des Power Yoga Bryan Kest

Der Erfinder des Power Yoga Bryan Kest
Der Erfinder des Power Yoga Bryan Kest

Aus Power Yoga, dem schweißtreibenden Yoga-Stil der 90er-Jahre, ist längst ein Yoga-Klassiker geworden. Der Amerikaner Bryan Kest hat den Grundgedanken seines „Yoga-Workouts“, das den Körper kräftigen und zugleich Geist und Seele stärken soll, bereits 1985 entwickelt. Doch erst 10 Jahre später, nach der Gründung seines eigenen Studios Santa Monica Power Yoga 1995, begann der Power-Yoga-Boom. Hollywoodschauspielerinnen wie Gwyneth Paltrow und Drew Barrymore gehören seither zu den prominenten Schülerinnen von Bryan Kest. Power Yoga zählt zu den beliebtesten Yoga-Stilen in der westlichen Welt, und sein Schöpfer hat den Status eines Star-Gurus.

Erster Kontakt mit Yoga als Jugendlicher

Bryan Kest wurde 1964 als Sohn eines Arztes geboren. Sein in Hawaii lebender Vater schätzte als Mediziner den vielfältigen gesundheitlichen Nutzen von Yoga. Bryan wuchs weit entfernt in Detroit auf und bekam von dieser Leidenschaft seines Vaters kaum etwas mit. Dass er trotzdem bereits mit 14 Jahren begann, Yoga zu praktizieren, geschah nicht aus freiem Willen. Weil er massive Schulprobleme hatte und allmählich auf die schiefe Bahn zu geraten drohte, holte der Vater Bryan zu sich und vermittelte dem widerstrebenden Sohn den Kontakt zu seinem eigenen Yogalehrer. Das war kein Geringerer als David Williams, der in den frühen 70er-Jahren nach Indien gereist war und dort als Schüler von Pattabhi und Manju P. Jois das komplexe Ashtanga-Yoga-System erlernt hatte. Nach seiner Rückkehr in die Heimat machte er Ashtanga Yoga im Westen bekannt – und unterrichtete auch Bryan Kest. Inspiriert durch seinen westlichen Lehrer beschritt er nun den Yoga-Weg aus freien Stücken und suchte ebenfalls Yogi Pattabhi Jois in Indien auf. 1985 kehrte er nach einem Jahr Aufenthalt in Mysore zurück und schrieb sich am Ryokan College in Los Angeles für ein ganzheitlich gesundheits- und ernährungswissenschaftliches Studium ein. Parallel betätigte er sich als Yogalehrer bei einem Yoga-Therapeuten für Menschen mit diversen Essstörungen. 1995 machte sich Bryan Kest mit seinem neu entwickelten Yoga-Stil selbstständig und eröffnete ein eigenes Studio – der Beginn einer bis heute andauernden Erfolgsgeschichte.

Der entscheidende Unterschied zwischen Ashtanga Yoga und Power Yoga

Power Yoga klingt nach Yoga für Fortgeschrittene – aber eigentlich hat Bryan Kest damit das sehr anspruchsvolle Ashtanga Yoga so modifiziert, dass auch Anfänger angesprochen werden. Denn während im Ashtanga Yoga sämtliche Bewegungsabläufe und Stellungen exakt vorgeschrieben sind, sind im Power Yoga Abwandlungen möglich, je nach Leistungsstand der Praktizierenden. Sich bewusst atmend langsam, aber stetig herantastend an die eigenen Grenzen – das ist beim Ashtanga Yoga nicht möglich. Power Yoga ist keine Sportart im klassischen Sinne, da Yoga nicht auf den sportlichen Aspekt reduziert werden kann. Dynamische Bewegungsabläufe trainieren in Verbindung mit Atemtechniken und Entspannungsübungen, Beweglichkeit und Körperkraft ebenso wie den Gleichgewichtssinn und die innere Balance.

Power Yoga – die undogmatische Variante des Asthanga Yoga

Die Bezeichnung Power Yoga leitete Bryan Kest „empowering“ ab, was sich mit „ermächtigend“ übersetzen lässt. Kraft im Sinne von „Power“ bedeutet hier nicht nur die physische Stärke, sondern schließt die mentale Ebene als Widerstandskraft ein. „Auspowern“ ist nicht das Ziel, auch wenn die Übungen anstrengend sind, im Gegenteil: Power Yoga beinhaltet auch Einsichtsmeditationen nach dem Vorbild der Vipassana-Praxis. Es gilt die Regel der Selbstbestimmung: Der Lehrer gibt lediglich Anregungen, die Schüler praktizieren ihre Übungen aber eigenverantwortlich, loten körperliche Grenzen aus und erkennen diese an. In diese Regionen vorzustoßen ist schweißtreibend, aber niemals überlastend. Konzentriertes Atmen ist ebenso wichtig wie die Versenkung in sich selbst. Kests Geschäftsmodell ist außergewöhnlich: In seinen Yogaklassen in Santa Monica gibt es keine Gebühren, sondern jeder, der teilnimmt, spendet einen Betrag. Die Höhe ist – mit der Empfehlung für eine Mindestsumme – freigestellt. Und das funktioniert auch ohne Kontrolle bestens. Für Workshops reist der Yogalehrer mit Kultstatus um die Welt. Regelmäßig stattet er auch Power Yoga Schulen in Deutschland einen Besuch ab und bildet dort andere Lehrer aus.

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Das Yoga-Programm von Kareen Zebroff

Das Yoga-Programm von Kareen Zebroff
Das Yoga-Programm von Kareen Zebroff

An der Yogalehrerin Kareen Zebroff scheiden sich die Geister. Die einen meinen, sie habe den traditionell ganzheitlich geprägten Yoga-Gedanken auf praktikable Trimm-dich-Übungen reduziert. Die anderen sehen in ihr eine verdienstvolle Asana-Pionierin des Hatha Yoga im Westen. Zebroff holte Mitte der 70er-Jahre die Yogamatte in deutsche Wohnstuben und schaffte es sogar, mit „Yoga für Yeden“ eine regelmäßige Yogareihe im ZDF zu etablieren. Hatte Yoga bis dahin noch als tendenziell sektenverdächtig und esoterisch gegolten, machte plötzlich ganz Deutschland mit. Warum aber schaffte es eine Kanadierin, die deutsche Nation für Yoga zu begeistern?

Eine Kanadierin mit deutschen Wurzeln

Kareen Zebroff kam 1941 als Helge-Kareen Brüggemann im mittelfränkischen Windsbach zur Welt. 1953 ließen ihre Eltern sich scheiden. Kareen und ihr Bruder lebten bei der Mutter in Heidelberg, bis sie 1956 gemeinsam Deutschland verließen und nach Kanada auswanderten. Die Kleinstadt Dawson Creek in der Provinz British Columbia wurde Kareens zweite Heimat. Im Anschluss an ihre Schulausbildung absolvierte sie ein Pädagogikstudium und arbeitete dann als Lehrerin in einer Elementary School. Nach der Heirat mit Peter Zebroff zog das Paar nach Norden an den Peace River ins beschauliche Hudson‘s Hope. Mit 27 Jahren war Kareen Zebroff , inzwischen Mutter dreier Kinder, stark übergewichtig und völlig antriebslos. Die früher stets schlanke junge Frau litt sehr unter ihrer Gewichtszunahme aufgrund einer Hyperglykämie und suchte nach Wegen, die Pfunde loszuwerden. Ein im örtlichen Kaufhaus eher zufällig erworbenes Yogabuch sollte Kareen Zebroffs Leben grundlegend verändern.

Wie Kareen Zebroff Yoga für sich entdeckte

Um ein besseres Gespür für die Ausführung der Asanas zu bekommen, belegte Zebroff einen Yogakurs an der Volkshochschule. Sie verzichtete weitgehend auf Zucker und nahm erfolgreich ab. Es folgten weitere Ausbildungen – und die Umsetzung der Idee, selbst Hatha Yoga zu lehren, damit mehr Menschen die wunderbare Wirkung am eigenen Körper erfuhren. Der indische Yogi Swami Schjam Atschary gab ihr einen neuen Panjabi-Vornamen, der im Englischen „Please, do it“ lautete. Mit seiner Zustimmung verwestlichte Kareen Zebroff Hatha Yoga. In Kanada wurde sie Anfang 1970 zum Fernsehstar. Ihr täglicher Yogakurs brach alle Rekorde, eine Flut dankbarer Zuschriften von Fans brach über sie herein. Dass sie wenig später auch im deutschen Fernsehen an diesen Erfolg anknüpfen konnte, war dennoch erstaunlich. Yoga war im Deutschland der 70er-Jahre wenig bekannt, lediglich einige Indienreisende kamen damit in Berührung. Ein größeres Interesse daran war nicht vorhanden, auch Yogalehrer oder gar Yogaschulen gab es nicht.

Yoga für Jeden und Asanas für alle

140 Asanas umfasste Zebroffs Repertoire, als Hanns Joachim Friedrichs, zu dieser Zeit Sportchef des ZDF, „Yoga für Yeden“ im Oktober 1973 ins Programm nahm. In nur fünf Sendeminuten während der „Sportinformation“ begeisterte Kareen Zebroff jeden Freitag Tausende für Yoga. Ihr Publikum war vorwiegend weiblich, aber der Überlieferung nach sollen selbst hartgesottene ZDF-Redakteure zugeschaut und den Lotussitz im Büro praktiziert haben. Spiritualität und Meditation klammerte die inzwischen gertenschlanke Blondine aus, stattdessen betonte sie die figurmodellierende und gesundheitliche Wirkungsbreite von Yoga. Ihr Buch „Yoga für Jeden“ wurde ein Bestseller. Es folgten ein weiteres Yogabuch speziell für Mütter und Kinder und 1975 ein neuer Sendeplatz für den Yogakurs in der täglich ausgestrahlten Drehscheibe. Spirituell orientierten Yogis und Yoginis mag dieser sportliche Ansatz ohne seelische Einstimmung noch so sehr missfallen – doch ohne Kareen Zebroffs „Yoga für Yeden“ hätte Yoga in Deutschland heute sicher nicht die heutige Akzeptanz. Die mittlerweile über 70-jährige jung und fit wirkende Zebroff lebt in Kanada, besucht gelegentlich Familienmitglieder in München und betreibt nach wie vor Yoga. Sie hat viele Menschen ermutigt, inspiriert und motiviert. Erst durch sie sind viele mit Yoga in Berührung gekommen. Dafür gebührt ihr zweifelsohne Respekt, ganz unabhängig davon, was man von ihrem turnerischen Yoga-Stil hält.

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Yogi Bhajan als Wegbereiter des Kundalini-Yoga

Yogi Bhajan als Wegbereiter des Kundalini-Yoga
Yogi Bhajan als Wegbereiter des Kundalini-Yoga

Yogi Bhajan hat Pionierarbeit für alle westlichen Anhänger des spirituell inspirierten Kundalini Yoga geleistet. Anthony Kiedis, Frontmann der kalifornischen Rockband „Red Hot Chili Peppers“ ist einer von ihnen, ebenso aber auch rund eine Million Menschen auf der ganzen Welt, die nicht als Stars im Rampenlicht stehen. Sie alle fühlen sich dem „Healthy, Happy, Holy“-Prinzip verbunden, das für Yogi Bhajan zu den Lebensgrundrechten gehörte und für das er 1969 die 3HO-Stiftung ins Leben rief. Wer war dieser charismatische Lehrer, der Tausende persönlich motivierte und der den Titel eines religiösen Führers der Sikhs in der westlichen Welt führen dufte?

Die frühen Jahre: Geburt, Kindheit und Jugend des Yogi Bhajan

Harbhajan Singh Puri, am 26.08.1929 im damals noch zu Indien gehörenden kleinen Dorf Kot Harkarn als Sohn eines Arztes geboren, zeigte von klein auf Interesse an heilkundlichen Themen. Er wuchs in der weltzugewandten Tradition der Sikh-Religion auf, in der die Schöpfung in besonderem Maße respektiert wird. Als er acht Jahre alt war, führte ihn der Tantra-Meister Sant Hazara Singh ins Kundalini-Yoga ein und ernannte ihn bereits im jugendlichen Alter von 16 Jahren zum Yogi. Nachdem kurze Zeit später Unruhen die Provinz erschütterten, marschierte er gemeinsam mit den Dorfbewohnern ins mehr als 300 Meilen entfernte Neu-Delhi. Der Legende nach hat der jugendliche Yogi die Führung bewusst übernommen, um die Menschen in Sicherheit zu bringen.

Studium, Staatsdienst und Verbindung zur Flower-Power-Generation

Auf geistiger, körperlicher und spiritueller Ebene talentiert und voller Wissbegierde, nahm Yogi Bhajan ein Studium in Chandigarh auf. Dort studierte er Wirtschaftswissenschaften an der renommierten Punjab Universität. Da er von hohem Wuchs und vielseitig sportlich begabt war, bezeichneten ihn seine Kommilitonen scherzhaft als „Chinesische Mauer“. Während des Studiums nutzte Yogi Bhajan die vorlesungsfreien Zeiten für Reisen innerhalb Indiens und zum Himalaja, um sich in verschiedenen Ashrams, den religiösen Meditationszentren, spirituell ausbilden zu lassen. Im Anschluss an das Diplom machte er Karriere im Staatsdienst, wo er als leitender Zollbeamter am Indira Gandhi International Airport tätig war und in Kontakt mit Menschen und Einflüssen aus dem Westen kam, denen er weltoffen begegnete. Trotz seiner Verpflichtungen als Beamter und auch nach Heirat und Familiengründung nahm er sich längere Auszeiten, beispielsweise um Karma Yoga zu praktizieren.

Yogi Bhajan als Pionier des Kundalini Yoga im Westen

1968 reiste der gläubige Sikh erstmals in ein westliches Land, als er einer Einladung der Universität von Toronto folgend einen Vortrag über Yoga hielt. Diese Reise sollte grundlegende Veränderungen für Yogi Bhajan und das Kundalini Yoga bringen: Nach dem zweimonatigen Kanada-Aufenthalt wurde Los Angeles in Kalifornien sein neuer Wohnsitz. Dort traf er mit seiner kraftvoll charismatischen Ausstrahlung und seiner Lehre im „Wassermannzeitalter“ den Nerv der friedensbewegten Flower-Power-Generation. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass für viele mit Drogen experimentierende Hippies der Sikhismus ein gangbarer Weg war, auch ohne Drogen zum höheren Bewusstsein zu gelangen. Yogi Bhajan hielt jedoch nichts davon, nur Anhänger um sich zu scharen. Sein übergeordnetes Interesse galt der Weitergabe seiner Lehren durch das Unterrichten neuer Schüler während seiner ausgedehnten Reisen.

Happy, holy, healthy: Gründung und Förderung der 3HO-Organisation

Um die Voraussetzungen zur Verbreitung des Wissens über die menschlichen Geburtsrechte auf Glück, Gesundheit und Heiligkeit zu schaffen, gründete der von seinen Schülern liebevoll Yogiji genannte Yogi Bhajan 1969 die 3H-Organisation. Dieses erste Kundalini-Yoga-Zentrum war nur der Anfang einer weltweiten Gründungswelle. Viele Mitglieder kleideten sich traditionell und zeigten ihre Geisteshaltung äußerlich durch kunstvolle Turbane und schlichte weiße Kleidung. Sie alle lebten als Yogis und getaufte Sikhs – Sikh Dharma galt dank Yogi Bhajan in Amerika als Weltreligion, wird heute allgemein aber als hinduistische Reformsekte eingeordnet. Mit dem 3HO Deutschland e.V. befindet sich einer von den heute mehr als 300 gemeinnützigen Vereinen zur „Förderung des Menschen durch Yoga“ auch in Deutschland. Der Hamburger Verein blickt auf insgesamt rund 15 Besuche des Yogi Bhajan zurück, der 1971 zum Mahan Tantra („Meister des Weißen Tantra-Yoga“) ernannt wurde. Im selben Jahr besuchte er, gefolgt von amerikanischen Schülerinnen und Schülern, mit dem Goldenen Tempel Harmandir Sahib die heiligste Stätte der Sikhs. Yogi Bhajan setzte sich zeit seines Lebens für die Gleichberechtigung von Frauen ein, befürwortete den Weltfrieden und die Religionsfreiheit und suchte den Dialog in Religion und Politik. Als er 75-jährig am 06.10.2004 in New Mexiko starb, hieß es, er habe seinen Körper nach einem erfüllten Leben verlassen. Seine Lehre aber überdauert jenseits von trendigen Yoga-Hypes und akrobatischen Verrenkungen in der Kundalini-Tradition als Yoga der Bewusstheit.

Bild © kapu