Ist Yoga, so wie wir es kennen, nur ein Mythos?

Ist Yoga, so wie wir es kennen, nur ein Mythos?
Ist Yoga, so wie wir es kennen, nur ein Mythos?

Nichts an Yoga ist so, wie viele Yoga-Anhänger glauben: Die Ergebnisse der Yoga-Studie des Briten Mark Singleton verblüffen und fordern den Widerspruch all derer heraus, die auf den uralten indischen Yoga-Spirit von „Körper, Geist & Seele“ vertrauen. Der Religionswissenschaftler Singleton legt in seinem Buch, das 2010 im Oxford University Press Verlag veröffentlich wurde, sehr präzise und umfassend dar: Körperbetontes Yoga ist eine relativ junge, nicht vorrangig östlich, sondern ebenso stark westlich geprägte Lehre. Fassen wir die Kernaussagen von „Yoga Body – The Origins of modern Posture Practice“ zusammen – und bilden uns unsere eigene Meinung dazu.

Yoga als winziges Rädchen in der indischen Kultur

In der westlichen Welt kennen wir Yoga meist als eine Form von Hatha Yoga. Ursprünglich soll Hatha Yoga aus Indien stammen, wo es als Teil einer Jahrtausende alten Kultur der Hindus praktiziert wurde. Singleton führt jedoch an, dass in klassischen Schriften wie den Upanishaden oder der Bhagavadgita Yoga allenfalls im Sinne von geistiger Vervollkommnung und Meditation erwähnt wird. Asanas schienen von so untergeordneter Bedeutung sein, dass sie allein der Atemkontrolle und dem meditativen Stillsitzen dienten. Versenkung war erwünscht und Asanas stellten einen Pfad unter vielen Wegen dar, den angestrebten Zustand zu erreichen. Die Verwurzelung in den alten indischen Praktiken hat demnach kaum etwas zu tun mit gesundheits- und fitnessorientierten Yogastilen des 21. Jahrhunderts. Erst das Zusammentreffen des indischen Nationalismus nach Ende der britischen Kolonialherrschaft und der europäischen Körperkulturbewegung vor gut 100 Jahren formte „unser“ Yoga, indem westliche Gymnastikübungen mit einem spirituellen Überbau veredelt wurden.

Yoga als Trendsportart des ausgehenden 19. Jahrhunderts

Der Begriff „physical culture“ kam Ende des 19. Jahrhunderts auf und hängt mit der zunehmenden Industrialisierung zusammen. Immer weniger Menschen verdienten ihren Lebensunterhalt mit Ackerbau und anderen körperlich fordernde Tätigkeiten. Viele zogen in die Städte arbeiteten dort in den Fabriken. Den Fabrikbesitzern war an der Leistungsfähigkeit der Arbeiter gelegen, und so propagierten sie die Körperkultur als nationale Aufgabe. Das Bild vom athletischen, sportlich durchtrainierten Körper wurde damals geboren und hinterließ auch in Indien Spuren. Hatha Yoga, bislang ausgeübt zur Kontrolle der Lebensenergie im Sinne von Pranayama – zur Reinigung und Versenkung – wurde zum Haltungs-Yoga. Zu einer Zeit, in der die Olympischen Spiele durch Pierre de Coubertin wiederbelebt wurden, erweckten Swami Sivananda, Paramahamsa Yogananda, Bishnu Choran Gosh und eher spirituell motivierte Vertreter wie Vivekananda oder Sri Aurobindo den Yoga-Gedanken zu einem neuen, veränderten Leben.

Was Turnvater Jahn und der erste moderne Bodybuilder mit Yoga zu tun haben

Religionswissenschaftler Mark Singleton, der in Santa Fe lebt und dort am St. John’s College lehrt, stellt nicht einfach nur provokante Behauptungen auf. Er untermauert seine Thesen mit historischen Quellen, hat Zeitzeugen befragt und Erkenntnisse der modernen Yogaforschung berücksichtigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die durch Bodybuilding-Pionier Eugen Sandow beeinflusste Fitnesswelle in Indien zum Ende des 19. Jahrhunderts auch eine politische Bedeutung hatte, die vergleichbar ist mit der deutschen Turnerbewegung nach „Turnvater“ Ludwig Jahn. Indische Männer wollten ihren Körper kräftigen, um sich von den Kolonialherren zu lösen. Zugleich übernahmen sie die Trainingsmethoden aber zum Teil aus der britischen Armee. Durch die Vermischung mit einem hinduistisch, tantristisch, philosophisch und neugeistlich geprägten Kontext verliehen sie der Körperkultur eine eigene Ausrichtung und einen ganz neuen Gesundheitsaspekt. Die Legende von „Körper, Geist und Seele“ stammt aus dieser Zeit, ist also gerade mal rund 100 Jahre alt. In der traditionellen Yogaphilosophie sind Geist und Seele eins, es gibt keine Unterscheidung.

Singletons Schlussfolgerungen

Yoga ist ein spannendes transnationales Phänomen. Philosophische Traditionen und über Jahrhunderte gesammelte Erkenntnisse im Zusammenhang mit Energieflüssen und Bewusstseinszuständen formten sich durch weltkulturelle Begegnungen und wissenschaftlichen Fortschritt zu einer neuen Methode. Moderne Yogastile sind durch den Kulturwandel entstanden und verändern sich weiterhin. Genau das macht Yoga, diese Methode, die weder Sport noch Religion oder Medizin ist, und doch von allem etwas in sich trägt, so einzigartig.

Bild © StudioM1

Mythen und Legenden? – Yoga unverkrampft

Mythen und Legenden? - Yoga unverkrampft
Mythen und Legenden? – Yoga unverkrampft

Yoga ist Massenphänomen und Modetrend – nur war das in der Form, wie es teilweise praktiziert wird, sicher nicht im Sinne des Erfinders. Entsprechend wird manche Werbetrommel derart gerührt, dass sich jeder, der nicht Yoga betreibt, abgehängt, unmodern, unsportlich, uncool und wenig gesundheitsbewusst vorkommt. Dabei wird Yoga als Sport eingruppiert, unter Zwang gestellt und damit mit vielen Muss- und Soll-Bestimmungen verbunden. Die Massen pilgern in Kurse, einige betreiben Yoga zu Hause. Schicke Kleidung, tolle Matten, Meditationskissen und Zubehör gehören mehr oder weniger als Equipment dazu – doch solltest du dir selbst ein Bild machen.

Was ist nun dran an den ganzen Mythen? Musst du dich verändern, innerlich und äußerlich verbiegen? Musst du stundenlang trainieren? Und wie steht es mit vegetarischem Essen oder dem derzeit ebenfalls allgegenwärtigen Vegantrend?

Folge deinen Vorlieben

Du musst weder gegen dein Naturell leben noch bist du auf dem falschen Weg, wenn du nicht die ganze Yoga-Lebensphilosophie in deinem Alltag umsetzt. Zeit, innere Einstellungen, körperliche Voraussetzungen und vieles mehr bestimmen deine persönliche Yogakultur.

  • Du kannst Yoga vorwiegend sportlich betrachten.
  • Du kannst dich auf Meditation und/oder Atemübungen konzentrieren.
  • Es gibt viele Meinungen zu Yoga. Höre dir alles an und bilde dir eine eigene Meinung.
  • Du musst weder vegetarisch noch vegan leben.

Nie wieder Ärger und Aufregung?

Yoga steht für Ruhe und Gelassenheit. Diese Aussage stimmt, aber nicht immer. Du solltest möglichst für Ruhe beim Training sorgen. Das heißt jedoch nicht, dass du dich jedes Mal ruhiger und gelassener fühlst; es kommt auf deine Tagesform und innere Haltung an. Ist der Stresspegel sehr hoch, wird das Ziel heute vielleicht nur teilweise erreicht. Übst du unter Zeit- und Leistungsdruck, wirst du sicher weniger Erfolg haben, als wenn du dir Zeit nimmst und jede Vorstellung von Leistung aus deinen Gedanken verbannst. Gelassener wirst du dann, wenn du dir klarmachst, dass auch das Ziel, unbedingt Gelassenheit erreichen zu müssen, eine Art Leistungsdenken darstellt. Lass es einfach laufen und nimm an, was das Training dir bringt.

Der Gesundheitsaspekt

Yoga ist gesund. Auch diese Aussage stimmt größtenteils. Wer allerdings nicht aufgewärmt, also mit kalten Muskeln und Bändern, trainiert, riskiert Verletzungen. Das ist auch der Fall, wenn du unter Leistungsstress stehst und dir mehr abverlangt, als dein Körper an diesem Tag zu geben bereit ist. Zu bedenken sind ebenfalls körperliche Einschränkungen. Manche Übungen solltest du dann bleiben lassen. Berate dich eventuell mit einem Arzt oder starte einen Kurs bei einem erfahrenen Trainer, der dich berät.

Kompliziert und schweißtreibend

Yoga bedeutet Verrenken und Anstrengung. Der Satz beinhaltet Wahres, ist aber nicht per se richtig. Viele Übungen sind anstrengend. Ein längeres Training wird dich gehörig aufwärmen. Doch entscheidest du, ob dir eine Viertelstunde ausreicht und ob du im Sommer in den kühleren Morgen- oder Abendstunden trainierst. Außerdem suchst du dir deine Übungen zu Hause selbst aus; niemand zwingt dich, einen anstrengenden Kurs von eineinhalb Stunden zu besuchen.
Zudem kannst und sollst du dir nur Übungen aussuchen, die du bewältigen kannst. Der Begriff Verrenkung ist also relativ. Regelmäßiges Training macht auch im Yoga den Meister. Probiere neue Übungen aus, zunächst im Anfängermodus, später die schwierigeren Varianten, beispielsweise mit Yogablöcken. Du wirst deine Möglichkeiten und Grenzen kennenlernen; sie sind bei jedem anders. Und denke daran: Yoga ist kein Wettbewerb oder Konkurrenzkampf.

Ein neues Leben?

Mit Yoga ändert und verbessert sich mein Leben. Dies kann, muss aber nicht eintreffen. Integriere deine persönlichen Yoga-Favoritenübungen und versuche ein regelmäßiges Training. Starte einmal wöchentlich und höre auf, wenn du keine Lust mehr hast. Yoga soll Freude machen und nicht in Stress ausarten. Dann hast du gute Chancen, auf deiner Lieblingsmatte einen neuen Lieblings „sport“ zu entdecken.

Bild © Artecke